Kürzlich berichtete ich unter dem Titel „Mit Druckchemo Bauchfellkrebs heilen“ über ein neues Verfahren, welches am Marienhospital Herne an einigen Patienten erfolgreich durchgeführt wurde: Die Druckchemo-Therapie. Die Methode macht Hoffnung, können mit dieser Krebspatienten geheilt werden, für die es eigentlich schon fast keine Rettung mehr gab.

Im folgenden Interview erfahren Sie von Professor Dr. med. Dirk Strumberg, Leiter der Medizinischen Klinik III  Hämatologie/Onkologie des Marienhospitals in Herne (Ruhr-Universität Bochum), wo die Druckchemo-Therapie momentan eingesetzt werden darf, bei welchen Patienten sie angewendet wird und was sie kostet.

Kerstin Weber: Wie und von wem wurde die „Druckchemo-Methode“ entdeckt?

Professor Dirk Strumberg: Das Prinzip der „Druckchemotherapie“ (eigentlich heißt dieses Therapieverfahren PIPAC – Pressurized IntraPeritoneal Aerosol Chemotherapy) wurde im Jahr 2000 von Prof. Dr. med. Marc A. Reymond in der Schweiz publiziert. Im Rahmen seiner Habilitationsarbeit hatte er den Einfluss von Kohlendioxid auf die Entstehung von Stichkanalmetastasen bei der Minimal-invasiven Chirurgie bei Tumorpatienten untersucht. Die PIPAC ist jetzt eine technische Weiterentwicklung.

Kerstin Weber: Wie haben Sie, Herr Prof. Strumberg, von dieser Methode erfahren und was bewog Sie, diese zu testen?

Professor Dirk Strumberg: Seit etwa einem Jahr verstärkt Prof. Reymond unser chirurgisches Team hier am Marienhospital Herne. Die PIPAC ist potenziell eine therapeutische Bereicherung für unsere Patienten. Alle Tumor-Spezialisten arbeiten hier bei der Behandlung von Bauchfellkrebspatienten eng zusammen. Diese Zusammenarbeit ist auch ein wichtiges Merkmal unseres Comprehensive Cancer Centers (CCC) hier an der Ruhr-Universität Bochum.

Kerstin Weber: Wann und bei welchen Patienten haben Sie die Druck-Chemo zum ersten Mal angewendet?

Professor Dirk Strumberg: Prof. Reymond hat die PIPAC zum ersten Mal bei 2 jungen Patienten vor etwa einem Jahr eingesetzt, der eine mit Magenkrebs und der andere mit Dickdarmkrebs in fortgeschrittenen Stadien. Bei beiden Patienten wurde eine weitere konventionelle Chemotherapie für nicht sinnvoll erachtet. Bei einem Patienten wurde sogar eine komplette Remission der Peritonealkarzinose dokumentiert, beim anderen ein partielles Ansprechen. Das war ein ermutigendes Ergebnis und hat weitere Anwendungen motiviert.

Kerstin Weber: Wie muss sich der Laie den Weg vom Versuch bis hin zum flächendeckenden Einsatz in Deutschland vorstellen?

Professor Dirk Strumberg: Das ist ein sehr langer Weg. Bisher haben wir nur Patientinnen mit fortgeschrittenem Bauchfellkrebs behandelt, wo die anderen verfügbaren Therapien wie intravenöse Chemotherapie und Chirurgie schon ausgeschöpft waren. So konnten wir zeigen, dass die PIPAC verhältnismäßig wenig Toxizität auf Leber und Nieren hat. Das ist ein wichtiger Aspekt in der palliativen Therapie von Patienten mit einem fortgeschrittenen Krebsleiden.

Jetzt werden so genannte Phase-II Studien begonnen, wo die Wirksamkeit und die Sicherheit der PIPAC-Methode an einer größeren Anzahl von Patienten untersucht wird. Für eine Mitwirkung an diesen Studien haben sich Partner-Universitäten aus Frankreich und Österreich bereit erklärt. So wird es voraussichtlich in den nächsten Monaten auch möglich sein, sich in Paris oder Wien mit PIPAC behandeln zu lassen. Auch eine Universitätsklinik in Süddeutschland hat Interesse an der Methode geäußert.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt darf die Methode nur an der Ruhr-Universität Bochum im Rahmen von Studien eingesetzt werden. Allerdings hat unsere Ethik-Kommission erlaubt, die PIPAC-Methode in ausgewählten Einzelfällen auch außerhalb von Studien individuell einzusetzen.

Kerstin Weber: Was kostet die Druckchemo?

Professor Dirk Strumberg: Die PIPAC ist eine spezielle Form der intraperitonealen Chemotherapie. Die intraperitoneale Chemotherapie ist grundsätzlich eine etablierte Therapiemethode, die von den Krankenkassen erstattet wird. Es werden nur zugelassene Medikamente eingesetzt. Die intraperitoneale Chemotherapie kann also regulär zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen abgerechnet werden. Für die Patienten entstehen keine zusätzlichen Kosten Wir machen bei der Auswahl der Patienten keinen Unterschied zwischen Kassen- und Privatpatienten.

Kerstin Weber: Anhand einer Studie mit 50 Patienten wollen Sie mehr über die Wirkung der Druckchemo-Therapie erfahren. Welche Patienten können teilnehmen und was erhoffen Sie sich von den Ergebnissen?

Professor Dirk Strumberg: Die ersten Ergebnisse müssen jetzt in einer ersten klinischen Studie beim Eierstockkrebs bestätigt werden. Diese Studie wurde gerade vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) und von der Ethik-Kommission der Ruhr-Universität Bochum genehmigt. Behandelt werden Patientinnen mit Bauchfellkrebs, die schon mindestens 2 Vortherapien erhalten und keine Lebermetastasen haben.

Ähnliche Studien werden jetzt beim Magenkrebs und beim Darmkrebs vorbereitet. Erst wenn die Ergebnisse dieser Studien vorliegen, ist der medizinische Nutzen von PIPAC klar darstellbar.


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Interview: Druckchemo-Therapie - Hoffnung für KrebspatientenKerstin WeberDruckchemoBauchfellkrebs,Druckchemo,Krebs,PIPACKürzlich berichtete ich unter dem Titel 'Mit Druckchemo Bauchfellkrebs heilen' über ein neues Verfahren, welches am Marienhospital Herne an einigen Patienten erfolgreich durchgeführt wurde: Die Druckchemo-Therapie. Die Methode macht Hoffnung, können mit dieser Krebspatienten geheilt werden, für die es eigentlich schon fast keine Rettung mehr gab. Im folgenden Interview erfahren...