Mein letzter Bericht zum  Stand der Druckchemo-Therapie liegt acht Wochen zurück. Zeit, einmal wieder am Marienhospital in Herne nachzufragen.

Prof. Clemens Tempfer, Direktor der Frauenklinik am Marienhospital (Ruhr-Universität Bochum), zeigt sich sehr zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen: „Wir haben den Eindruck, dass zumindest ein Teil der Patientinnen substanziell bzgl. der Tumorlast profitiert. Alle Patientinnen profitieren aus meiner Sicht dadurch, dass sie keine Systemchemotherapie durchführen und daher die Chemotherapie-Nebenwirkungen wegfallen.“

Schon 28 Frauen mit Druckchemo behandelt

28 Frauen sind bislang im Rahmen der PIPAC-Studie behandelt worden. „Bisher gab es keine schweren akuten toxischen [giftigen]* Reaktionen, die auf das Medikament zurückgeführt werden können. Lokale Schmerzen im Bauchbereich, Stuhlprobleme und Fieber treten bei etwa 1/4 der Patientinnen auf. Zwei Patientinnen haben wegen Progression der Erkrankung nicht alle Therapiezyklen erhalten“, so Prof. Tempfer.

Wie schon berichtet, sollen insgesamt 50 Patientinnen im Rahmen der Studie behandelt werden. Prof. Tempfer: „Nach Abschluss dieser Studie (wahrscheinlich Ende 2013) können betroffene Frauen in die Folgestudie (PIPAC versus Chemotherapie) randomisiert [per Zufall ausgwählt] werden.

Weitere Frauen, die unter einer therapieresistenten Peritonealkarzinose leiden, werden also in die Studie aufgenommen. Außerdem dürfen weiterhin Patientinnen auf individueller Basis am Marienhospital behandelt werden. (Voraussetzungen: erfolgte leitlinien-konforme Therapie; keine Fernmetastasen; kein Darmverschluss). Eine Zusage der Ethik-Kommission der Einrichtung liegt vor.

PIPAC als palliative Therapie-Option

Von Prof. Marc Reymond, Chirurg am Marienhospital (er entwickelte PIPAC im Rahmen seiner Habilitationsarbeit), wollte ich wissen, wie er die weitere Entwicklung der Druchchemo-Methode sieht. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird sich die PIPAC als palliative Therapie-Option bei fortgeschrittenen, therapiereresistenter Peritonealkarzinose durchsetzen, weil sie in dieser Situation eine Tumorregression induzieren [auslösen] kann.“

Ohne die herkömmliche Chemotherapie wird die Druckchemo künftig wohl nicht angewendet werden können. Und ebenso nicht vor einer leitlinien-konformen Chemotherapie. Prof. Reymond betrachtet die PIPAC als sinnvolle Ergänzung vorhandener Therapien, die in einem bestimmten zeitlichen Rahmen unter bestimmten Voraussetzungen zum Einsatz kommen kann.

PIPAC mit klassischer Chemo zunehmend einsetzen

Prof. Reymond sieht in der Durchführung der PIPAC keine Kontraindikation [Gegenanzeige] zur simultanen systemischen Chemotherapie, „da während einer PIPAC lediglich 10% einer systemischen Chemo-Dosis intraabdominell appliziert [innerhalb des Bauchraums verabreicht] wird und da nur ein Bruchteil dieser Dosis in den venösen Kreislauf gelangt. Ich bin überzeugt, dass die PIPAC zusammen mit der klassischen Chemo zunehmend eingesetzt werden wird. Diese Kombination setzen wir gemeinsam mit medizinischen Onkologen zunehmend ein. Zurzeit sind Lebermetastasen ein Ausschluss-Kriterium für die PIPAC-Therapie. Jedoch wäre denkbar, in ausgewählten Fällen andere etablierte Verfahren wie die chirurgische Resektion [operative Entfernung] von Lebermetastasen, die RadioFrequenzAblation oder die SIRT-Therapie mit Yttrium 90  [Medikament] Mikrosphären mit der PIPAC zu kombinieren. Wir haben zahlreiche Anfragen in dieser Richtung erhalten, und sind dabei zu eruieren, welche Einschlusskriterien sinnvoll wären.“

PIPAC keine Konkurrenz zu HIPEC

Prof. Reymond sieht in der PIPAC keine Konkurrenz zu HIPEC. „Aufgrund der hohen Konzentration von Zytostatika [Substanzen, die Zellwachstum hemmen} im Gewebe nach PIPAC (bis zu 200 Mal mehr als nach HIPEC mit 10% der Dosis!) haben wir schwere Wundheilungsstörungen beobachtet, wenn wir versucht haben, die PIPAC mit zytoreduktiver Chirurgie zu kombinieren. Wenn eine komplette Zytoreduktion [Verminderung von Krebs-Zellen] möglich ist, soll sie auch durchgeführt werden, weil sie beim Ovarkarzinom und beim Kolonkarzinom [Kolon = Darm] das Überleben verlängert. Wenn die HIPEC die Ergebnisse der Zytoreduktion verbessert, soll diese Therapie eingesetzt werden. In dieser Situation darf die PIPAC jedoch nicht simultan eingesetzt werden.“

PIPAC bei Magenkarzinom

Die Druckchemo-Therapie könnte künftig primär peritoneal metastasierten Magenkarzinomen zum Einsatz kommen. „Vor der Gastrektomie [vollständige Entfernung des Magens] wird eine Laparoskopie [endoskopische Untersuchung des Bauchraumes] vorgenommen, wird dabei eine Peritonealkarzinose festgestellt, wird auf die Gastrektomie verzichtet und eine palliative Chemotherapie eingeleitet“, so Prof. Reymond. Ausgenommen ist eine beginnende, begrenze Peritonealkarzinose, hier kommt die HIPEC zum Einsatz. Sollte der Dünndarm befallen sein, ist HIPEC nicht mehr möglich. Hier „könnte eine neoadjuvante systemische Chemotherapie [Verkleinerung eines Tumors vor der OP] mit PIPAC sinnvoll sein: bei guter Therapieantwort könnte dann die sekundäre Gastrektomie sinnvoll sein. Diese Fragestellung müsste jedoch mit einer spezifischen Studie geprüft werden“.

Andere künftige Einsatzgebiete der PIPAC

Am Marienhospital wurden erste präklinische Versuche unternommen, „um die technische Machbarkeit der Pressurized IntraLuminal Aerosol Chemotherapy (PILAC) zu prüfen. Potentielle Einsatzgebiete wären z.B. eine intraluminale [innerhalb des Hohlraumes] Druck-Aerosol-Chemotherapie in der Harnblase beim Blasenkarzinom, oder im Ösophagus [Speiseröhre] bei der Barret-Dysplasie [Speiseröhrenkreb]. Die Ergebnisse werden wir dieses Jahr noch vorstellen“.

Weitere Medikamente bei der Druckchemo einsetzen

Bisher wurde bei der Druckchemo-Therapie bewährte Medikamente wie doxorubicin, cisplatin oder oxalyplatin eingesetzt. Es gibt viele neue Medikamente, die ebenfalls zum Einsatz kommen könnten, wie z.B. Antikörper, Angiogenese-Inhibitoren, Tyrosine-Kinase Inhibitoren, usw. „Dazu kämen neue therapeutische Ansätze wie Nanomoleküle (zum Beispiel um die Krebszellen in den Lymphbahnen besser erreichen zu können) und Virentherapie. Es haben Kollegen in Deutschland inzwischen angefangen, die Machbarkeit der Kombination einer onkolytischen Virentherapie mit der PIPAC zur prüfen, also die Pressurized IntraPeritoneal Aerosol Virotherapy (PIPAV). Wir sind auf die Ergebnisse gespannt.“

PIPAC – Verfahren mit signifikantem Entwicklungspotential

Prof. Reymond ist sicher, dass „die PIPAC und ihre Schwesterverfahren ‚in die Charts‘ kommen werden. Es handelt sich um generische Verfahren mit signifikantem Entwicklungspotential. Jedoch ist keines dieser Verfahren ein Wundermittel, und die Behandlung der Peritonealkarzinose wird ein mutiger und anstrengender Kampf gegen eine übermächtige Krankheit bleiben. Die Entwicklung besserer Therapieverfahren der Peritonealkarzinose wird eine Gratwanderung zwischen berechtigter Hoffnung und vom Menschen unerfüllbaren Wünschen bleiben. Die PIPAC wird keinem Patienten den Tod ersparen, das hat bisher noch keine Therapie in der Medizin geschaffen und es ist vielleicht besser so. Aber vielleicht wird die PIPAC das Leben vieler Peritonealkarzinose-Patienten verlängern, und ihre Lebensqualität dabei erhalten: das wäre für unsere Patienten schon unendlich viel.“

* Begriffserklärungen in eckigen Klammern […] sind Anmerkungen von mir.

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