Annika muss schon wieder das Handtuch im Bad wechseln. Und das in der Küche. Die sind so feucht, dass die Hände nicht mehr trocken werden.

„Ich muss mir jeweils zwei Handtücher hinhängen“ dachte Annika vor einem Jahr und überlegte damit am eigentlichen Problem vorbei.

Annika ist 27 Jahre alt und leidet unter einem Waschzwang. Mittlerweile hat sie in Bad und Küche jeweils drei Handtücher hängen und auch die sind selten trocken. Annika hat das ständige Bedürfnis, sich die Hände zu waschen. Egal, was sie anfasst, ob den Kühlschrank, einen Topf, ein Messer, etwas Essbares…

Im Bad das Gleiche. Nach jedem Toilettengang schrubbt sie ihre Hände mit der Bürste. Die sind trocken, rissig, an manchen Stellen wundgescheuert.

1,5 Millionen Deutsche leiden unter Zwängen

Der Waschzwang ist nur eine Variante einer Kategorie von Krankheiten, zu der auch Kontrollzwang und Zählzwang gehören. In Deutschland sind etwa 1,5 Millionen Menschen betroffen. Der Zwang entwickelt sich oft schleichend und in vielen Fällen bereits im Teenageralter. Wenn Verwandte oder Freunde darauf aufmerksam werden und machen, spielen Betroffene das Problem meist herunter: „Alles nicht so wild – nur eine Macke!“

Waschzwang ist eine „Macke“, hinter der ein psychisches Problem steht. Oft geht es darum, Ängste zu bezwingen, die sonst statt des Zwangs das Leben bestimmen würden. Das wollen die Betroffenen vermeiden. Über die Jahre hinweg kann daraus ein Teufelskreis werden: Angst wird mit Zwang verdrängt, der Zwang aber führt zu Isolation, Depression und neuer Angst. An diesem Punkt angelangt, sind diese Menschen meist am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte und erst dann sind sie bereit, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Freunde „beschmutzen“ die Wohnung

Wenn der Zwang das Leben bestimmt, ist oftmals nicht mehr viel Platz für anderes. Muss den ganzen Tag geputzt werden. Ist keine Zeit mehr für andere Menschen, für Hobbys. Und auch nicht für die Freude. Menschen, die vom Zwang bestimmt werden, verlieren ihre sozialen Kontakte, u.a., weil sie zu spontanen Handlungen nicht mehr fähig sind oder weil sie – wie in Annikas Fall – Freunde nicht mehr zu sich nach Hause einladen, da diese alles „beschmutzen“ würden.

Neben den psychischen Ursachen (z.B. Zwänge und Tabus in der Kindheit, Traumata) kann der Krankheit auch ein physisches Problem wie beispielsweise eine Stoffwechselstörung im Gehirn oder immunologische Probleme zu Grunde liegen. Ebenso wird Stress als mögliche Ursache angenommen.

Verhaltenstherapie kann bei Waschzwang helfen

Um aus dem Teufelskreis herauszukommen, bedarf es einer Verhaltenstherapie. Je früher mit dieser begonnen wird, umso besser sind die Erfolgsaussichten. Je nach Sachlage wird die Verhaltenstherapie durch eine Medikamenteneinnahme unterstützt (z.B. Antidepressivum).

Annika hat eine solche Therapie begonnen, nachdem sie die Zwänge nicht mehr ertragen konnte und unter starken Depressionen litt. Als sie bei der Therapie zum ersten Mal ein „verschmutztes“ Telefon anfassen musste, ohne sich danach die Hände waschen zu dürfen, war das für sie unerträglich. Erst allmählich lernte sie, solche Situationen auszuhalten.

Es ist ein Anfang. Im Laufe der zeit muss Annika mit Hilfe der Therapie versuchen, in ihr eigentliches Leben zurückzufinden. Ob sie jemals wieder ganz ohne Zwänge leben wird, ist nicht sicher. Doch bereits eine Verbesserung ihrer Situation verschafft Annika deutlich mehr Lebensqualität.

Psychotherapeut: Keine freien Plätze mehr

Ein großes Problem ergibt sich aus der langen Wartezeit bei einem Psychotherapeuten. Bevor Betroffene den ersten Termin erhalten, vergehen oft Monate, was einem Therapieerfolg natürlich im Wege steht. Mitunter müssen Psychotherapeuten sogar neue Patienten abweisen, da sie keine freien Plätze mehr haben. Für Menschen wie Annika kann das fatale Folgen haben.

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Annika leidet unter einem WaschzwangKerstin WeberPsycheAngst,Depressionen,Stoffwechselstörung,Verhaltenstherapie,Waschzwang,ZwangAnnika muss schon wieder das Handtuch im Bad wechseln. Und das in der Küche. Die sind so feucht, dass die Hände nicht mehr trocken werden. „Ich muss mir jeweils zwei Handtücher hinhängen“ dachte Annika vor einem Jahr und überlegte damit am eigentlichen Problem vorbei. Annika ist 27 Jahre alt und leidet...